Willkommen
Eine Märchengeschichte von Stefanie van de Brock
Vor vielen hundert Jahren, im goldenen Zeitalter des Khmer-Reiches, ließ ein weiser und mächtiger König ein Bauwerk von unermesslicher Pracht errichten. Es sollte ein Ort des Friedens und der Andacht sein, gewidmet seiner geliebten Mutter. Die geschicktesten Steinmetze des Reiches meißelten feine Reliefs von Apsaras, den himmlischen Tänzerinnen, in den sanften Sandstein. Die Wände schimmerten im Licht der Morgensonne wie flüssiges Gold, und der Tempel erhielt den heiligen Namen Ta Prohm.
Jahrzehnte vergingen, und der Tempel war erfüllt vom Gesang der Mönche, dem Duft von Jasminblüten und dem sanften Klang silberner Tempelglocken. Doch wie es im Lauf der Zeit oft geschieht, zog das Reich weiter, die Menschen verließen die einst blühende Stadt, und über das Tal von Angkor legte sich ein langer Schlaf. Als die Menschen fort waren, fühlte sich der Tempel einsam. Die Winde trugen den Staub der Jahre herbei, und die Wände vermissten das Lachen und die Gebete der Menschen. Da wandte sich Ta Prohm an die Königin des Dschungels, meine majestätische Würgefeige, deren Samen hoch oben auf den Dächern des Tempels keimten.
„Oh mächtiger Baum“, flüsterte der steinerne Tempel in einer stürmischen Nacht, „die Zeit droht mich zu zerbrechen. Der Regen wäscht meine Fundamente fort, und die Einsamkeit fühlt sich schwer an. Wirst du mich halten?“ Die Würgefeige neigte ihre Kronen im Mondlicht und antwortete mit einem sanften Rauschen der Blätter: „Ich werde dich umarmen, alter Freund. Wir werden eins werden, Stein und Holz, Bauwerk und Natur, ewig miteinander verwoben.“
So sandte der Baum seine mächtigen, silbrig glänzenden Wurzeln herab. Wie riesige, schützende Arme schlängelten sie sich über die Tore, türmten sich über die Galerien und umarmten die steinernen Türme. Was wie eine Zerstörung aussah, war in Wahrheit ein ewiger Bündnisakt: Die Wurzeln trugen die schwere Last der fallenden Steine, und der Tempel schenkte dem Baum Halt gegen die Stürme der Jahrhunderte. So vergingen die Jahrhunderte in stummer Harmonie, bis eines Tages die Sonne wieder besonders hell über Kambodscha aufging. Ihre warmen, goldenen Strahlen brachen durch das dichte Blätterdach des Dschungels und berührten die uralten Hallen. Der Tau auf den riesigen Wurzeln glitzerte wie ein Meer aus Diamanten.
In diesem Augenblick trafen die ersten Reisenden aus fernen Ländern an den Pforten des Tempels ein. Sie blieben ehrfurchtsvoll stehen, erschüttert von der erhabenen Schönheit, die sich vor ihnen offenbarte. Sie sahen nicht bloß einen verfallenen Tempel, sie sahen ein lebendiges Kunstwerk, das die Natur und der Mensch gemeinsam geschaffen hatten.
Die lächelnden Gesichter der Apsaras blickten friedlich unter den gewaltigen Wurzelsträngen hervor, als wollten sie den Besuchern eine alte Weisheit ins Ohr flüstern:
Die Weisheit von Ta Prohm:
„Nichts vergeht wahrhaftig, was in Liebe und Harmonie mit der Natur erbaut wurde. Wenn der Mensch loslässt, vollendet die Natur das Werk und erschafft ein Wunder für die Ewigkeit.“