Tempel der Affen

Eine Märchengeschichte von Stefanie van de Brock

Tempel der Affen
Die Mittagshitze über Lopburi war so dick, dass man sie fast greifen konnte. Der Duft von gebratenem Knoblauch, süßer Mango und Abgasen lag schwer in der Luft, während das rhythmische Knattern der Tuk-Tuks die historischen Gassen erfüllte. Mitten in diesem Chaos erhoben sich die drei grauen Steintürme von Phra Prang Sam Yot – eine alte Festung der Stille, die längst neue Herren gefunden hatte.
Kanti, ein junger Restaurator aus Bangkok, saß im Schatten einer beschädigten Laterit Säule und strich sich den Schweiß von der Stirn. Seine Aufgabe war es, die Risse in den alten Reliefs zu dokumentieren. Doch das war leichter gesagt als getan. Lopburi gehörte nicht mehr den Königen der Vergangenheit. Lopburi gehörte den Makaken.
Hunderte von ihnen besetzten die Simse, sprinteten über die Stromkabel wie Seiltänzer und beobachteten die Menschen mit schelmischen, wachen Augen. Für die Einheimischen waren sie heilige Boten des Affengottes Hanuman; für Kanti waren sie vor allem eins: eine tägliche Herausforderung. Als Kanti sein Notizbuch aufschlug, hörte er ein leises Rascheln direkt über sich. Auf einer Statue saß ein mächtiges Männchen mit narbiger Schnauze und einer fehlenden Ohrspitze. Die Einheimischen nannten ihn Pha Khwan, den Beschützer. Er hatte die Ruhe eines Königs, der schon Hunderte von Sommern und Tausende von Touristen kommen und gehen gesehen hatte.
„Versuch erst gar nicht, dich vor ihm zu verstecken“, ertönte eine sanfte Stimme. Es war Malee, eine ältere Straßenverkäuferin, die Körbe voller Drachenfrüchte und Nüsse vor dem Tempeltor verkaufte. „Pha Khwan sieht nicht, was du in den Händen trägst, Kanti. Er sieht, was du im Herzen mit dir herumschleppst.“
Kanti lächelte verlegen. Tatsächlich trug er eine schwere Last mit sich. Seit Monaten plagten ihn Zweifel an seiner Arbeit und der Zukunft. Er fühlte sich gehetzt, verloren in den Erwartungen der Großstadt, unfähig, die Schönheit seiner Heimat wirklich zu spüren. Plötzlich geschah es in Sekundenschnelle: Ein kleiner, frecher kleiner Affe flitzte von der Seite herbei, griff nach Kantis Halstuch und riss das alte Messingamulett ab, das Kanti von seinem Großvater geerbt hatte. Bevor Kanti reagieren konnte, kletterte der kleine Dieb flink den höchsten Turm empor und verschwand in den schattigen Nischen des Heiligtums.
„Halt! Warte!“, rief Kanti verzweifelt und wollte hinterherrennen, doch Malee hielt ihn am Ärmel fest.
„Wenn du rennst und schreist, wird er es fallen lassen, tief in den unzugänglichen Spalt zwischen den Steinen“, warnte sie ruhig. „In Lopburi bekommt man nichts durch Nachjagen zurück. Nur durch Stille.“
Kanti atmete tief durch. Er setzte sich auf die heißen Stufen des Tempels und schloss die Augen. Der Lärm der Autos verblasste langsam. Er hörte das Wischen des Windes durch das Gras, das leise Gurren der Tauben und das sanfte Klappern der Feigenkerne, die die Affen oben knackten.
Er hielt einfach inne. Kein Suchen, kein Drängen, kein Stress. Er akzeptierte das Chaos um sich herum und fand mitten darin einen Moment absoluter Ruhe.
Als er die Augen wieder öffnete, saß Pha Khwan direkt vor ihm auf der Stufe. Das alte Männchen hielt das glänzende Amulett in seinen Pfoten. Er musterte Kanti lange mit seinen tiefen, braunen Augen. Dann, ganz langsam, legte er den kleinen Schatz auf den Stein zwischen sie, griff sich eine reife Banane, die Kanti im Rucksack hatte, und trottete majestätisch davon.
Kanti nahm das Amulett auf. Es war noch warm von der Sonne. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte er ein tiefes Gefühl von Frieden. Er blickte zu den Turmspitzen von Phra Prang Sam Yot empor und verstand endlich: Der Tempel war kein totes Denkmal aus Stein. Er war ein Ort des Lebens, an dem Mensch, Geschichte und Natur in ihrem eigenen, wilden Rhythmus miteinander tanzten.

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