entdeckergeist

Entdeckergeist

Eine Geschichte von Stefanie van de Brock

Es war das Jahr 1892. Sir Henry Walton war kein gewöhnlicher Edelmann. Er trug einen Zopf und hatte wettergegerbte Haut. Seine Hände waren voller Narben von Ausgrabungen in Ägypten. Er vertraute auf seinen Säbel, seinen Verstand und seine Peitsche. Nun hatte er sich in die Emilia-Romagna zurückgezogen. Die Villa della Notte thronte einsam auf einem Hügel in der Emilia-Romagna. Das Gemäuer stand seit Jahrzehnten leer. Die Dorfbewohner mieden es. Sie tuschelten über das Verschwinden der alten Adelsfamilie. Doch Henry lachte nur über Geistergeschichten. Für ihn war das Haus ein historisches Rätsel, das es zu lösen galt.

Am ersten Abend untersuchte Henry die gigantische Bibliothek. Der Raum roch nach Moder und zerfallendem Leder. Staub tanzte im Licht seiner Öllampe. Seine Augen wanderten über die Regale. Zwischen schweren lateinischen Schriften fiel ihm sofort ein Fremdkörper auf. Im zentralen Regal, genau auf Augenhöhe, lag ein Hut. Er stammte aus dem Jahre 1882, ein Fedora-Hut. Es war ein breitkrempiger, brauner Filzhut. Er wirkte seltsam zeitlos. Staubbedeckt, aber unbeschädigt.

Henry trat näher. Seine Abenteurerinstinkte schlugen an. Ein Hut im Bücherregal? Das war kein Zufall. Es war eine Markierung.

Er streckte die Hand aus. Sobald seine Finger den Filz berührten, ging ein Ruck durch den Raum. Ein tiefes, metallisches Schaben ertönte. Der Hut war fest mit dem Holz verbunden und diente als Hebel. Henry zog kräftig daran. Mit einem lauten Knallen schwang das gesamte Bücherregal nach innen auf. Dahinter offenbarte sich kein normaler Geheimgang. Es war eine Tür aus pechschwarzem, spiegelglattem Stein, die ein rötliches Licht verströmte.

Henry zögerte nicht. Er griff nach seiner Lampe und schritt durch den Spalt.

Der Gang dahinter führte steil nach unten, tief in den Fels der Emilia-Romagna. Die Wände waren nicht gemauert. Sie sahen aus wie das Innere eines gigantischen, versteinerten Organismus. Die Luft war heiß und schmeckte nach Salz und altem Blut. Nach einigen Minuten öffnete sich der Tunnel in eine gewaltige Höhle. Henry stockte der Atem.

Vor ihm lag ein unterirdischer, blutroter Ozean. Auf den Wellen trieben Hunderte von hölzernen Wiegen. In jeder einzelnen Wiege lag kein Kind, sondern ein riesiges, pulsierendes Ei, das im Rhythmus eines menschlichen Herzschlags leuchtete. Am Ufer dieses Meeres stand eine Gestalt. Sie trug die Kleidung eines italienischen Edelmanns aus dem letzten Jahrhundert, doch ihr Gesicht war eine formlose Masse aus windenden, blassen Maden.

„Du hast den Hut berührt“, flüsterte eine Stimme direkt in Henrys Kopf. Sie klang wie das Scharren von Insektenbeinen auf trockenem Pergament. „Der Hüter hat versagt. Nun musst du die Brut füttern.“

Aus dem roten Wasser erhoben sich unzählige, dünne, fleischige Tentakel. Sie schnellten auf Henry zu. Ein normaler Mann wäre vor Schreck erstarrt. Doch Henry Walton war kein normaler Mann. Er riss seinen Säbel aus der Scheide und hieb die ersten Ausläufer mit einem präzisen Schlag ab. Schwarzes Blut trat aus den Wunden aus und zischte auf dem heißen Felsboden.

Er wirbelte herum, feuerte seine Steinschlosspistole direkt in das madenzerfressene Gesicht der Gestalt und rannte zurück zum Tunnel. Das Ding stieß einen markerschütternden Schrei aus. Die Höhle begann zu beben. Die pulsierenden Eier in den Wiegen brachen auf. Winzige, geflügelte Kreaturen mit Menschengesichtern schwärmten schreiend heraus.

Henry rannte um sein Leben, die Peitsche in der Hand, während hinter ihm der Berg der Emilia-Romagna lebendig wurde. Er erreichte die Bibliothek, warf sich durch die Geheimtür und riss den Filzhut in die entgegengesetzte Richtung. Das schwere Bücherregal schlug mit einem ohrenbetäubenden Krachen zu. Das Schaben verstummte. Die Wand war wieder solides Holz.

Henry atmete schwer, den Degen noch immer in der Hand. Er blickte auf das Regal. Der Hut lag wieder friedlich da, als wäre nichts geschehen. Doch von der anderen Seite der Wand hörte er nun ein leises, unaufhörliches Kratzen. Sie wussten jetzt, dass er hier war. Und sie hatten Hunger.

Henry verbrachte die nächsten drei Tage im Wachzustand. Schlaf war ein Luxus, den er sich nicht mehr erlauben konnte. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er das Meer aus Wiegen vor sich. Er hörte das synchrone, rhythmische Pochen der Eier, das sich perfekt an seinen eigenen Herzschlag anpasste.

Noch schlimmer war das Kratzen. Es kam nicht mehr nur aus der Wand hinter dem Bücherregal. Es wanderte. Tagsüber kroch es durch die hohlen Dielen des Salons. Nachts schien es direkt über seiner Bettdecke zu tanzen.

Am vierten Tag begann die Villa della Notte, sein Gedächtnis gegen ihn zu verwenden.

Henry saß am massiven Eichentisch der Bibliothek, die Steinschlosspistole griffbereit. Er starrte auf den braunen Filzhut im Regal. Der Hut veränderte sich. Manchmal, wenn Henry blinzelte, schien der Stoff feucht zu sein, als würde er dunklen Schweiß absondern.

Plötzlich hörte er eine Stimme. Sie kam nicht aus seinem Kopf, sondern aus dem Flur.

„Henry? Warum hast du mich in der Dunkelheit zurückgelassen?“

Henry fuhr herum. Seine Haut wurde eiskalt. Das war die Stimme von Arthur, seinem treuen Grabungshelfer, der vor fünf Jahren in einer einstürzenden Krypta in Kairo tief unter der Erde begraben worden war. Henry hatte ihn nicht retten können. Er hatte die Schreie des Jungen tagelang gehört, bis das Wasser stieg.

„Du bist nicht real“, flüsterte Henry und hob die Pistole mit zitternder Hand. „Das ist eine Halluzination. Ein Trick des Hauses.“

„Wir sind alle hier unten, Henry“, rief Arthurs Stimme, nun näher, direkt vor der Bibliothekstür. Das sanfte Weinen eines Kindes mischte sich darunter, das Weinen seiner Schwester, die im Winter am Fieber gestorben war. „Es ist so warm im roten Wasser. Die Wiegen sind so gemütlich. Komm und schlaf, Henry. Du bist so müde.“

Das Schlimmste war nicht der Lärm. Das Schlimmste war die Gewissheit, die sich wie eine giftige Schlange in Henrys Verstand bohrte: Das Haus quälte ihn nicht, um ihn zu vertreiben. Es folterte ihn, um seinen Willen zu brechen. Es spiegelte ihm seine tiefsten Schuldgefühle und Ängste, bis sein Verstand so zermürbt war, dass er die Geheimtür freiwillig öffnen würde.

Er blickte in den Spiegel über dem Kamin. Sein Gesicht war eingefallen, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen. Doch als er genau hinsah, gefror ihm das Blut in den Adern. Sein Spiegelbild blinzelte nicht. Es starrte ihn mit starren, toten Augen an. Und auf dem Kopf des Spiegelbilds saß der braune Filzhut.

Das Spiegelbild lächelte – ein breites, unnatürliches Grinsen, das die Mundwinkel fast bis zu den Ohren riss. Es hob die Hand, formte die Finger zu einer Pistole, zielte auf die eigene Schläfe und drückte den Abzug.

Henry schrie auf und feuerte seine echte Pistole ab. Der Spiegel zersplitterte in tausend Teile.

Als der Rauch sich verzog, war es totenstill. Das Kratzen hatte aufgehört. Doch in den unzähligen Scherben auf dem Boden sah Henry nun die Reflexion des Bücherregals. Der Filzhut lag nicht mehr an seinem Platz. Das Regal war ein Stück weit geöffnet.

Aus dem Spalt sickerte ein dünner, roter Faden aus warmem Wasser über den Teppich. Und aus der Dunkelheit dahinter streckte sich eine bleiche, vertraute Hand entgegen, die Hand von Arthur, die einladend mit den Fingern winkte.

Das Schwinden des Verstandes war ein langsamer Prozess, doch der finale Entschluss fiel in einem einzigen, klaren Moment der Verzweiflung. Henry Walton, der Mann, der einst Tempel geplündert und den Tod ausgelacht hatte, erkannte, dass er diesen psychologischen Krieg nicht gewinnen konnte. Das Haus besaß seine Erinnerungen. Und wer seine Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch seine Zukunft.

Er hob die Peitsche vom Boden auf, wickelte sie sich fest um das Handgelenk und steckte den Säbel in die Scheide. Seine Bewegungen waren mechanisch, ferngesteuert von einer bleiernen Müdigkeit. Er trat an den Scherben des Spiegels vorbei, direkt auf das geöffnete Bücherregal zu.

Der rote Faden aus Wasser umspülte seine Stiefel. Es war warm wie frisches Blut.

„Schluss mit den Spielen“, raunte Henry.

Seine Stimme klang hohl, fast wie das Echo des Hauses selbst.

Er packte den Filzhut, der nun schwer und feucht auf dem Boden vor dem Spalt lag, und setzte ihn sich auf den Kopf. In demselben Moment verstummten die Stimmen von Arthur und seiner Schwester. Die unnatürliche Kälte wich einer drückenden, stickigen Hitze. Das Bücherregal schwang lautlos sperrangelweit auf und gab den Blick auf die steinerne Pforte frei.

Henry schritt hindurch, zurück in den Schlund der Erde der Emilia-Romagna.

Als er das Ufer des blutroten Ozeans erreichte, war die Madengestalt verschwunden. Doch die Hunderte von hölzernen Wiegen trieben noch immer auf den sanften, roten Wellen. Das rhythmische Pochen der Eier war lauter geworden, ein donnernder Herzschlag, der nun exakt synchron mit Henrys eigenem Puls hämmerte.

Am Rand des Wassers stand eine neue Wiege. Sie war leer. Auf dem Kopfkissen lag eine kleine, goldene Münze – ein Artefakt aus Kairo, das Henry einst aus Arthurs Grab geraubt hatte.

Henry verstand. Das Haus wollte ihn nicht töten. Es wollte ihn verschlingen. Er war das letzte Puzzleteil, das Opfer und der neue Wächter zugleich. Mit zitternden Knien, den Verstand vollends in den sanften Nebel des Wahnsinns gehüllt, trat er an die leere Wiege heran. Er wehrte sich nicht mehr. Er legte sich hinein, zog die Beine an die Brust und schloss die Augen. Die Peitsche entglitt seinen Fingern und sank im roten Wasser.

Über ihm schlossen sich die hölzernen Streben der Wiege wie die Finger einer riesigen Hand. Ein warmes, fleischiges Gewebe begann langsam über ihn zu wachsen, verhärtete sich zu einer Schale und schloss ihn in vollkommene, pochende Dunkelheit ein.

Oben in der Villa della Notte schlug das Bücherregal im selben Moment mit einem sanften Klicken zu. Der braune Filzhut lag wieder ordentlich und staubig auf Augenhöhe zwischen den lateinischen Büchern.

Draußen vor den Toren der Villa begann die Sonne über der Emilia-Romagna gerade unterzugehen und tauchte die Hügel Norditaliens in ein tiefes, unschuldiges Rot. Das Haus schwieg. Es war bereit für den nächsten Mieter.

 

 

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