dschungelfieber

Dschungelfieber

Eine Märchengeschichte von Stefanie van de Brock

Der Regen begann drei Stunden vor dem Absturz Nicht dieser gewöhnliche tropische Regen, der in warmen Schleiern vom Himmel fällt und nach einer Viertelstunde verschwindet. Dieser Regen hatte Gewicht. Er fiel wie Nägel auf die Tragflächen des kleinen Propellerflugzeugs und trommelte so laut auf das dünne Metall, dass Jonathan Vale seine eigenen Gedanken kaum noch hören konnte. Und unter ihm lag der Amazonas, er verhielt sich als würde er, gierig nach dem Flugzeug greifen. Aber über Peru begriff Jonathan Vale, zum ersten Mal, dass die Welt Orte besaß, die den Menschen nicht wollten. Der Motor starb mit einem letzten metallischen Knall. Stille, Nur Regen. Dann fiel die Maschine. Der Aufprall zerriss den Dschungel wie ein Meteoriten-Einschlag. Jonathan erinnerte sich später nur an einzelne Bilder: zerbrechende Äste, den Geschmack von Blut, einen weißen Reiher, der erschrocken aufflog. Als er erwachte, war es Nacht. Das Flugzeug hing schief zwischen gigantischen Baumwurzeln. Der Propeller drehte sich noch langsam im Wind und erzeugte ein knacken. Jonathan kroch aus dem Wrack. Sein linker Arm schmerzte höllisch. Der Regen hatte aufgehört. Der Wald lebte. Überall zirpte, summte, schrie und flüsterte etwas. Unsichtbare Tiere bewegten sich zwischen Farnen so groß wie Kirchenfenster. Der Geruch nach feuchter Erde war überwältigend.Und da war noch etwas anderes. Ein Geruch wie verwesende Blumen. Jonathan nahm die Petroleumlampe aus dem Cockpit und hob sie hoch. Zwischen den Bäumen stand jemand. Groß, und Reglos. Es war Zu weit entfernt, um das Gesicht zu erkennen. „Hallo rief Jonathan. Doch es gab, Keine Antwort. Die Gestalt verschwand. Sie löste sich einfach zwischen den Schatten auf. Am zweiten Tag fand Jonathan den Fluss. Er war schwarz und bewegte sich lautlos durch den Urwald. Nebel kroch über die Wasseroberfläche. Am Ufer entdeckte er Spuren. Menschliche Spuren. Barfuß. Hunderte davon. Alle führten in dieselbe Richtung. Jonathan folgte ihnen. Stundenlang. Der Wald wurde dichter. Die Luft schwerer. Dann sah er ein Dorf. Es bestand aus 10 Hütten die auf Holzstelzen standen, halb versunken im Schlamm. Totems aus Knochen standen zwischen den Häusern. Manche Knochen waren tierisch. Manche nicht. Jonathan spürte plötzlich dieses alte Entdeckergefühl die Mischung aus Triumph und Angst. Er war der erste Europäer hier.Vielleicht der erste Mensch überhaupt, der diesen Ort gesehen hatte. Dann bemerkte er eine Glocke. Sie hing mitten im Dorf. Groß. Schwarz. Verrostet. Und sie bewegte sich leicht im Wind. Dong. Der Ton war tief. Zu tief.Jonathan fühlte ihn nicht in den Ohren, sondern im Brustkorb. Aus den Hütten blickten Gesichter. Nur Männer und Frauen mit ausdruckslosen Augen. Sie sagten nichts. Sie starrten nur. Dann trat eine Frau vor. Ihre Haut war voller weißer Bemalungen. Um ihren Hals hing ein Amulett aus Knochen. Der Wald hat dich gebracht, sagte sie auf Englisch. Jonathan erstarrte. Woher kennen Sie meine Sprache? Die Frau lächelte traurig. Weil andere vor dir kamen. In dieser Nacht konnte Jonathan nicht schlafen. Er lag in einer Hütte und hörte den Dschungel atmen. Irgendwann begriff er, dass es wie Atmen klang. Langsam. Tief, Lebendig. Kurz nach Mitternacht hörte er Schritte draußen. Dann Flüstern, Dann die Glocke. Dong.Dong.Dong. Jonathan ging raus,Die Dorfbewohner standen schweigend am Flussufer und blickten ins Wasser. Etwas bewegte sich darunter. Etwas Großes. Das schwarze Wasser wölbte sich. Und plötzlich verstand Jonathan den wahren Grund, warum dieses Dorf existierte. Nicht um den Wald fernzuhalten. Sondern um etwas im Fluss ruhig zu halten. Die Frau trat neben ihn. Es träumt“, sagte sie leise. Was? Sie sah ihn an.Und in ihren Augen lag dieselbe Angst, die Jonathan plötzlich selbst spürte. Der Gott unter den Wurzeln. Dann begann der Fluss zu sprechen. Mit Stimmen, Menschlichen Stimmen. Hunderten. Und eine davon gehörte Jonathans verstorbenem Bruder. Jonathan Vale schlief nicht mehr. Das war vielleicht das Erste, was der Dschungel ihm nahm.Nicht seinen Mut, Nicht seinen Verstand. 
Zuerst nahm er ihm den Schlaf. In den folgenden Nächten hörte er die Stimmen wieder.Sie kamen vom Fluss. Immer nach Mitternacht.Nie vorher. Nie später. Die Dorfbewohner schlossen dann ihre Türen, löschten jedes Licht und zeichneten mit weißer Kreide seltsame Spiralen auf ihre Fensterrahmen. Niemand sprach. Niemand betete. Sie warteten einfach. Als wäre Angst dort etwas Alltägliches geworden. Etwas Altes. Vererbtes. Jonathan aber konnte nicht widerstehen. Entdecker wie er litten an einer besonderen Krankheit: Neugier, selbst wenn sie tödlich war. Vielleicht besonders dann. In der vierten Nacht nahm er die Petroleumlampe und ging allein zum Fluss. Der Nebel hing diesmal tiefer. Das Wasser wirkte dickflüssig, beinahe schwarz wie Öl. Kein Mond spiegelte sich darin. Überhaupt schien das Licht dort unten zu verschwinden. Jonathan kniete sich ans Ufer.Wer ist da?“ fragte er. Zuerst nichts. Dann: „Jonny…“Die Stimme seines Bruders.Leise. Feucht. Leblos Jonathan erstarrte. Sein Bruder Edward war vor zwölf Jahren in Cornwall ertrunken. Jonathan hatte die Leiche selbst identifiziert. Und trotzdem hörte er ihn jetzt ganz deutlich. Du hast mich allein gelassen.“Jonathan wich zurück. Das Wasser begann zu zittern. Nicht wegen Wind. Wegen Bewegung darunter. Langsam stieg etwas auf. Keine Gestalt. Eher ein Schatten in Form eines Menschen, direkt unter der Oberfläche. Zu groß. Viel zu groß. Dann noch einer. Und noch einer. Dutzende Umrisse glitten unter dem schwarzen Wasser wie Leichen, die nie aufgehört hatten zu treiben. Jonathan hob die Lampe höher. Da sah er Gesichter. Nicht richtig. Nur für Sekunden. Offene Münder. Graue Haut. Sie bewegten sich lautlos im Fluss.Und alle blickten zu ihm hoch. Du hättest nicht hinschauen dürfen.“ Die Stimme hinter ihm ließ Jonathan herumfahren. Die Frau aus dem Dorf stand zwischen den Bäumen. Regen perlte über ihr Gesicht. Was ist das dort?“ fragte Jonathan heiser.Die Frau antwortete nicht sofort.Dann sagte sie: Vor langer Zeit glaubten die Menschen hier, der Wald sei ein Körper.“ Sie trat näher. „Die Bäume seine Knochen. Die Flüsse sein Blut.“Dong.Die Glocke im Dorf erklang wieder.Tief.Krank.„Und tief unter allem“, flüsterte sie, „träumt etwas.“ Jonathan wollte lachen. Er wollte sagen, dass das Unsinn war. Aber er konnte nicht. Denn hinter der Frau bewegten sich plötzlich die Bäume. Nicht im Wind. Als würde etwas Gewaltiges zwischen ihnen hindurchkriechen. Etwas, das niemals gesehen werden wollte. Die Frau packte Jonathans Arm. Komm. Zum ersten Mal hörte er echte Angst in ihrer Stimme.Sie brachte ihn zu einer Hütte am Rand des Dorfes. Drinnen saß ein alter Mann ohne Augen.Die leeren Höhlen seines Gesichts waren vernäht. Jonathan erschrak. Der Alte Mann lächelte. Der Fremde riecht nach Himmel. Seine Stimme klang trocken wie raschelnde Blätter. Er kam mit der fliegenden Maschine.Jonathan spürte plötzlich wieder den Absturz. Das Kreischen von Metall. Den freien Fall. Woher wissen Sie das?“ Der blinde Alte hob langsam den Kopf. Weil der Wald es gehört hat.“Dann deutete er auf Jonathans Brust. Es hat dich ausgewählt.“Kälte kroch Jonathans Rücken hinunter. „Wofür?“ Der Alte schwieg lange.Draußen begann wieder Regen gegen die Dächer zu schlagen. Schließlich sagte er: Damit es aufwacht.“In dieser Nacht träumte Jonathan zum ersten Mal vom Wesen unter dem Fluss. Er sah keine klare Form. Nur Größe. Unvorstellbare Größe. Wurzeln so dick wie Kathedralen schlängelten sich durch die Erde. Zwischen ihnen pulsierte etwas Dunkles. Lebendiges. Ein Auge öffnete sich. Nicht ein menschliches Auge. Etwas Älteres. Tiefer.Als hätte der Dschungel selbst beschlossen, zurückzublicken. Jonathan erwachte schreiend. Und draußen vor seiner Hütte standen sämtliche Dorfbewohner.Reglos. Stumm. Sie blickten nicht ihn an. Sondern den Himmel. Der Regen hatte aufgehört.Über dem Dorf kreisten Vögel. Tausende. Doch sie flogen nicht. Sie drehten sich nur immer schneller im Kreis. Und mitten am Himmel erschien etwas Schwarzes. Etwas Riesiges.Für einen kurzen Moment glaubte Jonathan, es sei eine Wolke.
Dann begriff er: Es war kein Schatten auf dem Himmel. Der Himmel selbst bewegte sich. Die schwarze Masse dort oben bewegte sich langsam. Die Vögel kreisten kreischend darum herum, bis plötzlich der erste vom Himmel fiel.Dann der zweite. Dann Dutzende. Sie schlugen nass im Schlamm auf. Kein Blut.Keine Wunden. Einfach tot.Die Dorfbewohner begannen zu weinen.Nicht laut. Still. Als hätten sie gewusst, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Der blinde Alte saß inzwischen mitten im Dorf auf dem Boden. Vor ihm brannten kleine Schalen aus schwarzem Harz. Der Rauch stieg senkrecht nach oben trotz des Windes. Jonathan trat näher. Was passiert hier? Der Alte hob langsam den Kopf. „Es sieht dich jetzt.“ Jonathan spürte plötzlich etwas Schreckliches: Die Gewissheit, schon die ganze Zeit beobachtet worden zu sein. In den nächsten Tagen begann der Dschungel sich zu verändern.Oder Jonathan verlor den Verstand. Vielleicht war es dasselbe. Bäume standen plötzlich dort, wo vorher keine gewesen waren. Pfade endeten im Nichts. Manche Nächte schienen Stunden zu dauern, andere Sekunden.Und überall diese Geräusche.Tiefe Bewegungen unter der Erde.Als würde unter dem gesamten Amazonas etwas riesiges schlafen und sich gelegentlich im Traum drehen. Jonathan begann Tagebuch zu führen. Um sich nichts einzubilden.

Aus dem Tagebuch von Jonathan Vale

Oktober 1891
Ich glaube mittlerweile, dass der Wald nicht natürlich ist. Nicht vollständig. Die Einheimischen sprechen nie vom „Dschungel“. Sie nennen ihn immer nur „den Körper“. Heute fand ich Knochen tief im Wurzelwerk eines Baumes. Menschliche Knochen. Der Baum war darum gewachsen. Nicht durch sie hindurch. Um sie herum. Wie etwas, das bewahren will.In derselben Nacht verschwanden drei Dorfbewohner. Keine Schreie. Keine Spuren.Nur Schleifspuren im Schlamm, die direkt zum Fluss führten. Jonathan folgte ihnen mit der Lampe. Der Nebel war diesmal so dicht, dass er kaum seine eigenen Hände sehen konnte.Dann hörte er das Summen. Tief, Rhythmisch. Fast mechanisch.Er folgte dem Geräusch bis zu einer Lichtung.Und dort stand sein Flugzeug. Oder das, was davon übrig war.Jonathan erstarrte. Die Maschine hätte kilometerweit entfernt im Dschungelwrack liegen müssen.Aber nun stand sie hier.Aufgerichtet. Sauber. Als hätte jemand sie repariert. Der Propeller drehte sich langsam von selbst.Klack.Klack.Klack. Jonathan hob zitternd die Lampe. Im Cockpit saß jemand.Er selbst. Nicht exakt. Etwas Falsches daran.Die Haut zu blass. Das Lächeln zu breit.Der andere Jonathan blickte ihn direkt an.Dann sagte er mit seiner Stimme: „Du bist schon lange tot.

Fortsetzung folgt...

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