Die Säulen des Lebens

Eine Märchengeschichte von Stefanie van de Brock

Es war einmal ein Mann namens Ivar, der im Schatten des Schlosses Versailles lebte. Ivar war ein talentierter Uhrmacher, doch seine eigene Lebensuhr tickte ungleichmäßig. Er arbeitete Tag und Nacht an neuen und alten Uhrenwerken, an goldenen Zahnrädern und Zeigern. Dabei vergaß er zu essen und hatte keine Zeit für private Dinge oder Freunde.

Eines Tages blieb sein Herz vor Erschöpfung fast stehen, weil er tagein, tagaus arbeitete, ohne Pausen zu machen. Da erschien ihm eine alte, weise Frau. Sie stellte sich als die Bewacherin der Zeit vor.

„Ivar“, sagte sie, „du suchst den Glanz im Gold, aber dein Fundament zerbricht. Reise in den Süden zu den Ruinen eines verlassenen Château. Dort steht eine vergessene Villa namens Saulxeures. Nur wer die vier Säulen findet, wird wahrhaft leben.“

Ivar machte sich auf den Weg durch Frankreich. Nach vielen Tagen erreichte er die beschriebene Villa. Sie war halb von Efeu überwuchert, und vor ihrer Fassade ragten vier gewaltige, etwa sieben Meter hohe, steinerne Figuren empor. Jede von ihnen diente zugleich als Säule und schien ein Geheimnis zu bewahren. Ihre Gesichter waren verwittert, doch sie wirkten lebendig, als warteten sie darauf, erkannt zu werden.

Ivar verstand, dass seine Reise ihn zu den Wahrheiten führen musste, die diese Säulen verkörperten.

Als Erstes fand er die Säule der Vitalität. Er hörte ein leises Flüstern der Figur. Sie sagte: „Ich bin die Säule der Vitalität. Berühre mich, und ich werde dir alle Säulen des Lebens zeigen.“ Sogleich berührte Ivar die Säule.

Er wurde in einen Tagtraum gezogen. In den Lavendelfeldern der Provence traf er einen Bauern, der trotz seiner 80 Jahre tanzte und fröhlich war.

„Ich ehre meinen Körper wie den Boden“, sagte er. Er lehrte Ivar, dass Ruhe und Nahrung der Treibstoff für jeden Geist sind und dass man auf die Zeichen seines Körpers hören sollte.

Von einem Moment auf den nächsten wurde Ivar in den nächsten Traum gezogen und fand die Säule des Herzens. In einem kleinen Bistro in Lyon sah er eine Familie, die stundenlang lachte und stritt. Sie hatten kaum Geld, aber sie liebten einander. Er begriff: Ohne Menschen, die unseren Erfolg bezeugen und unseren Kummer teilen, ist das Leben wie ein stilles Zimmer.

Sogleich träumte er sich zur dritten Säule, der Säule des Handwerks. In einer Seidenweberei sah er die Hingabe der Arbeiter. Er verstand, dass Arbeit nicht nur Last ist, sondern auch Stolz und Leidenschaft – solange sie nicht die Nacht verschlingt.

Schließlich gelangte er zur vierten Säule, der Säule des Lichts. Nach einem langen Flug durch einen leicht schimmernden Tunnel erreichte er die Pyrenäen. Es war dunkel geworden, und er blickte in die Sterne. Dort spürte er, dass es etwas Größeres gibt als ihn selbst: Träume, Werte und den Glauben an das Gute. Das war der Funke, der allem Bedeutung gab.

Als Ivar zur Villa zurückkehrte, erkannte er plötzlich die Wahrheit: Die vier gewaltigen Figuren waren keine fremden Wächter. Jede von ihnen spiegelte einen Teil seines eigenen Lebens wider.

Die erste Säule richtete sich auf, als er begann, auf seinen Körper zu achten. Die zweite erwachte, als er sich den Menschen öffnete. Die dritte gewann an Glanz, als er mit Maß und Freude arbeitete. Und die vierte leuchtete sanft, als er wieder an etwas Größeres glaubte.

Die Villa war nicht länger eine Ruine. In Ivars Augen wurde sie zu einem Zuhause.

Und so reiste er nach Lyon und erzählte der Familie von der Villa Saulxeures und dass sie dort leben könnten, wenn sie wollten. Die Familie war überglücklich und schenkte Ivar zum Dank ein altes Erbstück des Großvaters: eine Uhr.

Ivar bedankte sich und kehrte nach Versailles zurück. Er reparierte die Uhr, und wie durch Magie entstanden auf dem Ziffernblatt die vier kleinen Gesichter der Saulxeures-Säulen. Sie begannen zu leuchten, und alle flüsterten gleichzeitig zu ihm:

„Du bist nicht mehr nur ein Mann, der Uhren repariert, sondern einer, der seine eigene Zeit versteht. Und deine Lebensuhr tickt fortan ruhig, gleichmäßig und voller Leben.“

Nachdem diese Worte verklungen waren, wurden die Gesichter wieder zu Marmor auf der Uhr.

Seit diesem Moment hängt die Uhr in einem kleinen Zimmer im Schloss Versailles und tickt im Takt mit den vier Säulen.

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