Die Mauer
Eine Märchengeschichte von Stefanie van de Brock
In einer tiefen Winternacht, als der eisige Nordwind über die Chinesische Mauer strich, konnte man aus weiter Ferne das leise Knirschen der Schritte eines einsamen Reisenden hören. Man sagte, im Winter, wenn der Schnee fällt, erscheinen die alten Geister der Erbauer der Mauer. Diese Geschichte hatte der Reisende in einem chinesischen Dorf gehört, kurz bevor er loszog. Auf dem Weg hierher hatte er in einer kleinen Kneipe Rast gemacht – einer jener Orte, an denen man beim Trinken einer Tasse grünen Tees Legenden erzählt, während draußen der Frost die Welt erstarren lässt.
Der Mann murrte laut über die Kälte, die in seinen Körper kroch. Er war ohnehin oft unzufrieden – man konnte es in seinem Gesicht lesen. Doch an diesem Abend war die Mauer seltsam lebendig. Zuerst war da nur ein Zittern im Boden. Dann sah er sie: Schatten im Schnee, Männer und Frauen mit leuchtenden Augen, die Steine trugen, als bauten sie noch immer. Keiner von ihnen sprach, doch zwischen den Windböen glaubte er ein Lied zu hören – eine tiefe, uralte Melodie, so alt wie die Mauer selbst. Es klang wie ein vergessener Weihnachtsgesang.
Plötzlich begannen die Fugen zwischen den Steinen zu flimmern. Warmer Atem entwich aus den Ritzen des Gesteins, und der Schnee schmolz dort, wo er fiel. Der Reisende wich zurück, als sich unter ihm etwas bewegte. Wellenförmig hoben sich die Steine, und mit einem dumpfen Grollen erhob sich aus ihnen ein riesiger Drache. Seine Schuppen glänzten wie gefrorenes Licht, Schneeflocken funkelten auf seinen Hörnern wie kleine Sterne, und in seinen Augen spiegelte sich die gesamte Mauer.
Er sprach nicht, doch der Reisende verstand. Die Gestalten, die er gesehen hatte, waren keine Geister der Toten. Sie waren Erinnerungen – an vergangene Jahre, an Menschen und ihre Spuren. Der Drache war nicht aus Fleisch; er bestand aus Erinnerungen, aus dem, was die Menschen hinterlassen hatten: Mut, Sehnsucht, Arbeit, Opfer, Liebe.
Der Reisende wollte fliehen, doch etwas hielt ihn zurück. Kein Zwang – nur Ehrfurcht. Er wusste: Dies war der Hüter der Chinesischen Mauer.
Auf einmal wurde dem Reisenden warm. Bilder erfüllten seinen Kopf: Hände, die Steine trugen, lachende Gesichter, Kinder, die Verstecken spielten zwischen halbfertigen Türmen.
„Warum zeigst du mir das?“, flüsterte er.
Der Drache hob seinen Kopf.
„Weil du aufwachen sollst. Du hast auf deinem Weg über die Mauer nur gemeckert. Du hast zwei gesunde Beine. Du solltest lernen, die kleinen Dinge zu schätzen.“
Der Mann seufzte. „Die einzige Zeit im Jahr, auf die ich mich freue, ist Weihnachten.“
„Dann erzähle ich dir, wie wir in China Weihnachten feiern“, brummte der Drache sanft. „Bei uns gibt es keinen Kalender mit 24 Türchen und auch keinen so lecker aussehenden Schokoladen-Weihnachtsmann.“ Er lachte leise und ein wenig verlegen. Dann glomm in seinen Augen ein warmes Licht, wie der Schein einer Laterne im Winter.
„Ping’an Ye – die Nacht des Friedens“, sagte er. Ein leichter Schneefall setzte ein, und die Mauer schimmerte, als wäre sie von innen erleuchtet. Der Reisende spürte eine Wärme, fast wie eine Hand auf seinem Herzen.
„Frieden entsteht nicht durch Mauern“, murmelte der Drache, „sondern durch das, was Menschen einander hinterlassen. Keine Bäume, keine Lieder – nur Licht und Früchte. Der Apfel ist ein Symbol für Frieden. Ein stilles Fest, das Fremdes aufgenommen und doch etwas Eigenes daraus gemacht hat.“
Der Reisende begriff. Nicht das Fest selbst war wichtig, sondern das, was die Menschen daraus machten: Erinnerungen, Hoffnung, den Wunsch, einander Frieden zu schenken.
Plötzlich war alles still. Der Drache war verschwunden. Der Reisende setzte sich auf einen großen Stein und zog – wie durch Zauberhand – einen roten Apfel aus seiner Jackentasche. Er hob ihn, als würde er mit der Mauer anstoßen.
„Frohe Ping’an Ye“, flüsterte er. Die Worte stiegen wie kleine warme Funken in die Luft.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sich der Reisende nicht allein.
Und in dieser kleinen, stillen Ecke Nordchinas begann die Nacht des Friedens.