Die Geisterpiraten

Eine Geschichte von Stefanie van de Brock

Auf der fernen Insel Ko Chang, dort, wo das Meer türkis schimmert und die Palmen im warmen Wind hin und her schaukeln, lag einst ein vergessenes Feriengelände. Es war ein seltsamer Ort: Kleine Häuser, gebaut wie schaukelnde Boote, standen schief am Strand, und ein riesiges, altes Schiff, einst stolz über die Meere gezogen, war gestrandet und zu einem Hotel umgebaut worden.

Doch die Insel war nicht mehr das, was sie einmal war. Die Touristen, die kamen, behandelten sie schlecht. Sie warfen Müll in den Sand, zertrampelten Pflanzen, schrien bis tief in die Nacht und rissen Muscheln aus dem Meer, als wären sie wertlose Steine. Kein Respekt, kein Gefühl für die Magie dieses wunderschönen Ortes.

Hoch oben in den Palmen lebte ein alter Affe namens Beach. Sein Fell war grau wie Sturmwolken, und seine Augen funkelten. Er sah sehr klug und zugleich traurig aus. Tag für Tag sah er, wie die Insel immer mehr unter den Menschen litt, die sie besuchten.

Eines Abends, als der Himmel sich blutrot färbte, knurrte er leise: „Genug, es ist genug!“ Der Affe kannte alte Geheimnisse, uralte, verbotene Voodoo-Magie. Tief im Dschungel, verborgen zwischen alten Wurzeln und moosbedeckten Steinen, die im Kreis lagen, begann er ein Ritual. Mit Vogelknochen, Federn und Spinnennetzen rief er Kräfte herbei, die man sich besser nicht merken sollte.

Der Wind wurde kalt. Das Meer verstummte. Und dann erschien es.

Am Horizont tauchte ein großes Holzschiff auf. Seine Segel waren tiefrot wie frisches Blut, und darauf zeichneten sich bleiche Totenköpfe ab. Es glitt lautlos über das Wasser, ohne Wellen zu schlagen.

Die Geisterpiraten waren gekommen.

In der Nacht legte das Schiff am Strand an. Die Luft roch nach Salz und Verfall. Nebel kroch über den Boden, und aus ihm traten Gestalten hervor, durchscheinend, knochig, mit leeren Augenhöhlen und zerrissenen Mänteln. Klappernd bewegten sie sich vorwärts. Ihr Kapitän hatte eine Stimme wie knarrendes Holz: „Wer die Insel nicht mit Respekt behandelt, soll die Furcht kennenlernen.“

Und so begann der Schrecken.

Die Touristen hörten nachts Schritte auf den Dächern ihrer kleinen Bootshäuser, obwohl niemand zu sehen war. Türen knarrten und schlugen von selbst auf und zu. Flaschen zerbrachen ohne Grund. Gläser und Koffer der Reisenden flogen durch die Luft, samt Kleidung. Manche schworen, kalte, unsichtbare Hände hätten sie berührt und an ihren Haaren gezogen.

Am großen Schiffshotel flackerten plötzlich Lichter in den Fenstern, obwohl es seit Jahren verlassen war. Aus seinem Inneren drangen leise Gesänge. Alte Seemannslieder, verzerrt und unheimlich. Spiegel in den Hotelzimmern zerbrachen plötzlich.

Am Strand erschienen am Morgen Fußspuren, die ins Meer führten, aber nie zurück. Muscheln, die gestohlen worden waren, lagen plötzlich wieder neben den Betten der Touristen – doch sie waren schwarz geworden und fühlten sich eiskalt an.

Eines Nachts sah ein Mann die Geisterpiraten deutlich. Sie standen im Kreis am Strand, ihre Köpfe langsam um 90 Grad gedreht, als würden sie nach etwas suchen. Dann richteten sich alle gleichzeitig auf ihn.

Er rannte vor Angst in den Dschungel, und man sah ihn nie wieder.

Am nächsten Morgen war der Strand leerer als je zuvor. Die Menschen flohen. Einer nach dem anderen verließ die Insel, voller Angst und mit Geschichten, die ihnen niemand glauben wollte.

Schon bald war das Feriengelände wieder verlassen. Die kleinen Bootshäuser standen still im Wind. Das alte Schiff knarrte leise. Und der Strand war endlich wieder sauber.

Der Affe saß in seiner Palme und beobachtete alles. Zufrieden.

Doch manchmal, bei Vollmond, wenn der Mond hoch am Himmel steht und das Meer ganz ruhig ist, kann man am Horizont noch immer das rote Segel sehen. Und ein leises, geisterhaftes Lachen hören.

Denn die Geisterpiraten sind noch da.
Und sie warten.

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