Der Pianist
Eine Geschichte von Stefanie van de Brock
Versteckt hinter hohen, knorrigen Bäumen und einem verwilderten Garten stand eine alte Villa, die schon bessere Tage gesehen hatte. Ihr einst prächtiges Mauerwerk war von Rissen durchzogen, und der Wind pfiff durch zerbrochene Fensterscheiben. Doch das imposante Gebäude barg ein Geheimnis, das nur wenige kannten.
Als Klara die knarzende Tür öffnete, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Staub tanzte in den Lichtstrahlen, die durch die hohen Fenster fielen, und die Luft roch nach altem Holz und verblichenem Leder. In der großen Halle erregte etwas ihre Aufmerksamkeit: drei imposante Gemälde, die an der Wand hingen, eingefasst in schwere goldene Barockrahmen. Die Herren auf den Bildern blickten mit durchdringenden Augen herab, als würden sie jeden ihrer Schritte beobachten.
Gerade als sie nähertrat, hallte eine Stimme durch den Raum.
„Ah, ein neuer Gast! Ich bin der Pianist, der einst hier spielte. Wie lange ist es her, dass jemand uns besucht hat? Ich konnte nie richtig Klavier spielen, doch durch mein unendliches Vermögen, das ich besaß, erkaufte ich mir Ansehen.“
Klara zuckte zusammen. Sie schaute sich um, doch außer ihr war niemand da. Dann bemerkte sie, dass sich der Mund des Mannes im ersten Gemälde bewegte.
Der erste Herr war ein Mann mittleren Alters mit streng zurückgekämmtem Haar, gekleidet in einen tiefblauen Frack mit silbernen Knöpfen. Seine dunklen Augen schienen die Welt durchdringen zu können.
„Mein Name ist Baron Alistair von Falkenberg. Ich war einst der reichste Mann dieser Region. Doch mein Vermögen erwarb ich nicht mit lauteren Mitteln. Gold und Intrigen, Verrat und Bestechung – das war mein Geschäft. Ich errichtete diese Villa, doch sie brachte mir kein Glück. Meine Feinde verschwanden auf mysteriöse Weise, meine Freunde wurden zu Verrätern. Als ich endlich erkannte, dass Reichtum eine Bürde ist, war es zu spät. Nun bin ich hier – gefangen in diesem Bild, dazu verdammt, meine Fehler immer wieder zu erzählen.“
Klara schluckte. Doch bevor sie etwas sagen konnte, ertönte eine zweite Stimme.
Der Mann im zweiten Gemälde war schmal, mit hohen Wangenknochen und klugen, traurigen Augen. Sein Malerkittel war mit Farbflecken übersät, in seiner Hand hielt er einen Pinsel, als hätte er ihn gerade erst beiseitegelegt.
„Ich bin Laurent de Rochefort, ein Maler und Suchender. Ich verbrachte mein Leben auf der Suche nach Perfektion, nach dem einen Bild, das meine Seele einfängt. Doch die Vollkommenheit blieb mir stets unerreichbar. Ich überarbeitete jedes meiner Werke, löschte, übermalte, zerstörte. Und dann, eines Tages, war mein Leben zu Ende – und mein Meisterwerk blieb unvollendet. Nun bin ich an diesen Rahmen gebunden, mit ewigem Bedauern in meinem Herzen.“
Seine Stimme verklang wie ein Pinselstrich, der auf rauer Leinwand versickerte.
Dann ertönte eine dritte Stimme – tief, kraftvoll, aber voller Wehmut.
Der Mann im letzten Gemälde trug eine schwere Reisekluft, sein Bart war von Wind und Wetter gezeichnet. In seinen Augen lag die Sehnsucht nach fernen Ländern.
„Mein Name ist Kapitän Gabriel St. Clair. Ich bereiste die Ozeane, entdeckte neue Welten, kämpfte gegen Stürme und Piraten. Aber ich hatte nie ein Zuhause. Mein Herz gehörte dem Meer, und so verlor ich alles, was mir je lieb gewesen war. Als ich eines Tages doch einen Ort suchte, um mich zur Ruhe zu setzen, war mein Körper zu alt und müde. Ich starb in dieser Villa, doch mein Geist war noch nicht bereit, sich von der Welt zu lösen. So lebe ich weiter – in diesem Bild, in dieser Erinnerung an Abenteuer, die nie enden sollten.“
Ein tiefes Schweigen erfüllte den Raum. Klara spürte die Melancholie in der Luft, das Echo vergangener Leben, eingefangen in Öl und Leinwand.
„Und wie kann ich euch helfen?“, flüsterte sie schließlich.
Die drei Herren sahen einander an. Dann sprach der Baron:
„Höre unsere Geschichten und trage sie hinaus in die Welt. Denn nur, wenn wir nicht vergessen werden, können wir endlich Ruhe finden. Und bitte mach etwas aus deinem Leben. Wir haben unsere Ziele nie erreicht. Du hast noch Zeit dazu. Sonst wirst du es für immer bereuen.“
Klara nickte. Sie verließ die Villa mit einem Herzen voller Geschichten – und als sie sich noch einmal umdrehte, bemerkte sie, dass die Augen in den Gemälden nicht mehr auf ihr ruhten.
Die Stimmen der Vergangenheit hatten endlich Frieden gefunden.