Das verlorene Paradies

Ein Märchen von Stefanie van de Brock

Es war einmal, am Rande eines vergessenen Dorfes, ein sonderbares Bauernhaus. Von Weitem sah es nicht aus wie die anderen Häuser mit ihren roten Ziegeldächern und ordentlichen Gärten. Nein, es wirkte, als sei es mitten aus einem Dschungel gewachsen.

Dichte Ranken umschlangen die Wände wie grüne Schlangen. Riesige Farnblätter breiteten sich über dem Dach aus, und bunte Blumen leuchteten zwischen dem wilden Blattwerk hervor. Vögel mit schillernden Federn saßen auf den Fensterläden, und selbst ein kleiner Wasserfall plätscherte neben der Scheune. Wer es sah, hätte schwören können, dass hinter der Tür kein Bauernhof, sondern ein tropischer Urwald lag.

Doch das Seltsamste war nicht sein Aussehen.

Draußen herrschte eine beinahe unheimliche Stille. Kein Wind raschelte in den Blättern. Kein Vogel sang. Kein Insekt summte. Selbst die Tiere des Dorfes mieden den Ort und hielten ehrfürchtig Abstand.

Im Inneren jedoch, oh, im Inneren war es ganz anders!

Sobald man die knarrende Holztür öffnete, brach ein Sturm aus Geräuschen los. Töpfe klapperten, als führten sie Streit. Stühle rückten von allein über den Boden. Schritte hallten die Treppe hinauf und hinunter, obwohl niemand zu sehen war. Man hörte Lachen, Flüstern, Singen und manchmal sogar ein lautes Poltern, als würde jemand Fässer rollen.

Die Dorfbewohner fürchteten sich und flüsterten:
„Das Haus lebt.“
„Es ist verhext.“
„Dort wohnt der Dschungelgeist.“

Nur ein junges Mädchen namens Leni war neugierig genug, das Geheimnis zu ergründen. Eines Abends, als die Sonne blutrot hinter den Feldern versank, trat sie mutig durch das Rankenmeer und öffnete die Tür.

Drinnen tobte wieder das unsichtbare Treiben. Doch Leni blieb ruhig. „Ich habe keine Angst“, sagte sie mit fester Stimme. „Warum seid ihr so laut, wenn draußen alles schweigt?“

Da geschah etwas Wunderbares.

Die Geräusche verstummten für einen Augenblick. Dann begann ein leises Wispern, das sich zu einer sanften Stimme formte.

„Wir sind die Erinnerungen“, sagte das Haus. „Einst war hier Freude, Musik und Leben. Doch die Menschen gingen fort und ließen uns zurück. Draußen ist es still, weil niemand mehr träumt. Drinnen aber bewahren wir, was einmal war.“

Leni trat weiter hinein. Sie stellte sich vor, wie das Haus voller Bauern, Kinder und Tiere gewesen war  
wie gelacht, gearbeitet und gefeiert wurde. Und je mehr sie sich vorstellte, desto wärmer wurde das Licht im Raum. Die Geräusche klangen nicht mehr wild und chaotisch, sondern wie Musik. Von diesem Tag an besuchte Leni das Haus oft. Sie brachte Lieder mit, Geschichten und frisches Lachen. Und langsam begann auch draußen die Stille zu weichen. Vögel kehrten zurück. Der Wind rauschte wieder durch die Ranken. Das Haus sah noch immer aus wie ein Stück Dschungel, aber nun war es ein lebendiger, fröhlicher Ort. Und so lernte das Dorf:
Manchmal ist es nicht die Lautstärke, die unheimlich ist sondern die Stille ohne Träume. Und wenn man heute am Rand des Dorfes entlanggeht, hört man es noch immer:
Drinnen klingt Musik.
Draußen antwortet der Wind.
Und das Bauernhaus lächelt im grünen Blätterkleid. 

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