Das schwarze Tal
Eine Geschichte von Stefanie van de Brock
Das schwarze Tal
Einst gab es ein Tal, das unscheinbar wirkte, doch dort war nichts so, wie man es sich je hätte vorstellen können. Das Haus, das an dieser Straße stand, barg ein unvorstellbares Geheimnis in sich. Vor dem Haus schlängelte sich eine leere Straße ihren Weg, gesäumt von Graslandschaften und kleinen Unebenheiten, bis hin zu kleinen Hügeln, die das Haus umgaben.
Vor dem Haus stand ein großer, fast unheimlicher Baum, der ganz harmlos schien, als würde er nur still dort stehen und den Zweck erfüllen, den die Natur ihm gegeben hatte.
Eines Tages lief ein Mann die Straße entlang. Er hatte einen leicht geduckten Gang, und in seinem Gesicht konnte man sehen, dass er sehr unglücklich gewesen sein musste. Er machte Halt an dem Baum und ließ sich seufzend nieder. Er sprach zu sich selbst: Wie soll es nur weitergehen? Was soll ich jetzt nur machen?
Die Wolken zogen über das Land, und der Himmel wurde immer dunkler. Gleich würde es anfangen zu regnen. Plötzlich flog ein Rabe durch die Luft und umkreiste den Baum. Er setzte sich auf einen der morschen Äste und krähte ganz laut auf. Der Baum fing an, seine Äste in leichten schwingenden Bewegungen zu bewegen, bis plötzlich eine tiefe, holzige Stimme sprach:
„Sir Midnight, warum machst du so einen Lärm? Du weißt doch, ich bin ein alter Baum und brauche meine Ruhe.“
„Aber Herr Zündholz“, sagte der Rabe, „es ist Zeit, das Portal zu öffnen.“
Der Mann, der an dem Baum lehnte, fragte: „Was hat es denn mit dem Portal auf sich?“ Doch er erhielt keine Antwort darauf.
Der Baum blickte in die tiefen, traurigen Augen des Mannes und fragte ihn, warum er so traurig sei. Der Mann wandte den Blick ab und schaute in die Ferne.
„Ich habe einen langen Weg hinter mir. Ich habe alles verloren, was ich je besaß. Mein Haus fing Feuer, und ich konnte es nicht retten. Ich habe kein Zuhause mehr.“
Der Baum zögerte nicht lange und sagte: „Glaubst du an Wunder?“
Der Mann antwortete: „Seit ich alles verloren habe, ist auch meine Hoffnung erloschen.“
Da sagte der Baum: „Ich bin Herr Zündholz höchstpersönlich. Und wie heißt du eigentlich?“
„Mein Name ist Leroy.“
„Ich werde dich vom Gegenteil überzeugen. Du musst es nur zulassen“, sagte Herr Zündholz.
Und Sir Midnight sagte: „Du musst nur glauben. Die Hoffnung liegt im Glauben, und im Glauben liegt die Kraft.“
Auf unerklärliche Weise entstand ein starker Sturm. Der Baum verstummte, und Sir Midnight rannte mit Leroy schnell in das verlassene Haus.
Im Inneren des Hauses war es still, so still, dass man nur das schwere Atmen hören konnte. Leroys Herz klopfte aufgeregt und laut in seiner Brust.
Ganz weit hinten, am Ende des Ganges, befand sich ein kleiner Raum, der mit einem hohen Podest versehen war. Darauf lag ein großes, dickes Buch. Die Neugier war so groß, dass Leroy einen Blick auf die Seiten werfen musste.
Sir Midnight sagte: „Das ist das Buch der Schwarzen Wächter. Seit Anbeginn der Zeit existiert ein Land, das bisher nur von Raben umgeben war. Mein Großvater ist der Herrscher in diesem Tal.“
Leroy öffnete das Buch. Es entstand eine unglaubliche Kraft. Aus dem Buch kam eine schwarze Wolke, die alles im Raum verschlang. Leroy sah einen schwarzen Tunnel, der am Ende immer schmaler wurde, bis er plötzlich zu Boden fiel und Sir Midnight auf seinem Kopf landete.
Es war ein samtweicher Boden, den er auf seiner Haut wahrnahm. Er spürte Sand zwischen seinen Fingern, der sich angenehm warm anfühlte. Sir Midnight flog durch die Luft, und Leroy sah in den Himmel. Er bemerkte, dass in diesem Tal alles anders war.
„Die Sonne – was ist mit ihr passiert?“, fragte Leroy.
Sir Midnight antwortete mit einem leichten Lachen: „Die Sonne, mein lieber Freund, war schon immer so in diesem Land. Hier ist alles anders. Alles hier ist schwarz. Das Wasser und der Himmel sind die Ausnahme – sie sind grau.“
Die Sonne war pechschwarz und von einem zarten Grau umrandet. Die Landschaft war von großen Vulkanen umgeben, die schwarze Lava spuckten. Sie waren umringt von schwarzen Blumen, die eigenartige Blasen bildeten. Kleine schwarze Männchen sammelten sie in durchsichtigen Behältern.
Leroy fragte ganz verblüfft, was das für Blasen seien. Eines der Männchen antwortete mit einer sehr hellen Stimme: „Das sind die Mondschwärzen, und die Blasen sind die Finsterperlen. Sobald sie an die Luft gelangen und mit Sauerstoff in Verbindung kommen, werden sie zu Perlen.“
Das Männchen senkte die Stimme und sagte: „Doch bleiben die Finsterperlen zu lange im Tal, erstickt ihr Flüstern alles im Dunkel.“
Die kleinen schwarzen Männchen waren keine Sammler aus Gier – sie waren die Hüter des letzten Lichts. In stillen Nächten trugen sie die Finsterperlen hinauf zu den höchsten Gipfeln der Vulkane, wo die Luft dünn und der Himmel nah war. Dort ließen sie die Perlen steigen, bis sie die pechschwarze Sonne berührten.
Wenn eine Finsterperle die Sonne erreichte, zersprang sie lautlos und entließ einen schwachen grauen Schein. So blieb die Sonne am Leben und sandte ihr mattes Licht zurück ins Tal.
Leroy blickte noch einmal auf die Mondschwärzen, die leise im Wind raschelten, und auf die Noxlinge, die unermüdlich weiterarbeiteten.
Dann breitete Sir Midnight seine Flügel aus und sagte: „Wenn du willst, kannst du für immer hierbleiben und den Noxlingen helfen, damit die Sonne niemals ihr Licht verliert.“
Leroy schwieg kurz. Er spürte das matte Licht auf seiner Haut und hörte das leise Rascheln der Mondschwärzen unter sich. Das Schwarze Tal war dunkel, doch es war kein kaltes Dunkel mehr.
Er sah die Noxlinge an, wie sie vorsichtig eine neue Finsterperle trugen, als hielten sie das Herz der Welt in den Händen. Dann nickte Leroy.
„Ich bleibe“, sagte er leise zu Sir Midnight.
Sir Midnight lächelte. Gemeinsam blickten sie hinauf zur pechschwarzen Sonne, in der gerade wieder ein schwacher grauer Schimmer aufglomm.
Und so wurde Leroy Teil des Schwarzen Tals – ein Hüter des letzten Lichts. Seit jener Zeit heißt es, dass die Sonne niemals ganz erlischt, solange jemand da ist, der im Dunkel Hoffnung trägt.