Das Hotel am See
Eine Märchengeschichte von Stefanie van de Brock
Ein Blick genügte, um meine Seele schrittweise zu vergiften. Ich war von ihr besessen. Sie war kein gewöhnlicher Gast auf der nachtschwarzen Terrasse am Lago Maggiore sie war ein meuchelnder Schatten, eine verbotene Droge, der ich rettungslos verfallen war. Während in der Enge meiner Küche die Flammen fauchten, fraß mich drinnen eine ganz andere, zehrende Dunkelheit auf. Und schon wieder träumte ich von ihr, ein Wort gesprochen hatten wir noch nie. Doch sie war wie ein Magnet der mich anzog auch wenn ich sie nicht sah. Ich spürte das Verlangen durch die Wände. In jeder meiner Faser.
Meine Hände führten die Klinge des Küchenmessers mit präziser Grausamkeit, während ich jedes ihrer Gerichte mit meiner kranken Sehnsucht tränkte. Es war kein Kochen; es war ein Ritual der Unterwerfung, ein unsichtbares Netz, das ich Bissen für Bissen um ihren Verstand wob. Wenn sie die Augen schloss, um den Geschmack aufzunehmen, wusste ich, dass mein Gift wirkte. Ich kroch in ihre Gedanken, beherrschte ihre Sinne und ließ sie nach einer Anwesenheit hungern, die sie nicht einmal benennen konnte.
Als der blasse Mond die tiefen, lautlosen Fluten des Sees in schmutziges Silber tauchte, hielt ich das Gefängnis aus Dampf und Fliesen nicht mehr aus. Das Verlangen brüllte in meinen Adern. Ich streifte die Schürze ab und trat wie ein Raubtier aus den Schatten der Küche auf die kühle Terrasse. Mein Atem wölkte sich in der Nachtluft, als ich mich hinter sie stellte und die Distanz zwischen uns vernichtete. Ich beugte mich so tief hinab, dass die Hitze meiner Haut ihre bloße Schulter verbrannte.
„Du entkommst mir nicht mehr“, raunte ich, meine Stimme wie das Mahlen von Stein auf Stein. „Du warst vom ersten Tag an mein.“ Kein Schrei. Kein Zurückweichen. Nur ein zitterndes Ausatmen, das die Kälte der Nacht spaltete. Ihre Nägel gruben sich schmerzhaft tief in mein Handgelenk, zogen mich näher, als wolle sie sich freiwillig in den Abgrund stürzen. „Ich habe gewartet, dass du mich holst“, flüsterte sie mit einem Lächeln, das so gefährlich war wie die Strömung unter der spiegelglatten Oberfläche des Lago Maggiore. In dieser Nacht fand kein Märchen seinen Anfang, sondern ein pures, düsteres Verderben, aus dem keiner von uns jemals wieder erwachen wollte.